Der Junge, der das Lächeln verlernt hatte

Ich sah heute einen Jungen. Er sah traurig aus, ja, man könnte sogar sagen ... tot. Er musste schon viel durchgemacht haben, das sah ich an seinen Augen — in ihnen spiegelte sich die Gleichgültigkeit gegenüber der Welt wieder. Für ihn existierte nichts Böses mehr, aber auch nichts Gutes — er kannte ja noch nicht einmal den Unterschied. Das war ihm egal. Seine Augen starrten ins Nichts. Sie sagten nichts mehr aus — sie waren tot, leer. Als ich ihn fragte, ob er Hilfe brauchte, zuckte er, ohne mich nur einen Augenblick lang anzusehen, mit den Schultern. Da wusste ich, er wollte, dass ich bei ihm bliebe. Ich hatte erwartet, dass jeden Moment eine Träne über sein Gesicht läuft, doch das tat sie nicht. Wir saßen also nebeneinander auf dem Hügel und starrten auf den Horizont, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Doch dann auf einmal, ohne zu zwinkern, lief ihm eine Träne über seine blasse Wange. Ich wusste, dass ich ihn nicht fragen soll, was los sei, also legte ich meinen Arm um seine Schultern und ließ ihn seinen Frieden mit der Welt schließen. Wir hatten uns noch nie zuvor gesehen, und doch kam es mir so vor, als ob wir uns schon ewig kennen würden — ich glaube, ihm ging es genauso. Nicht nur ihm tat es gut, in meinen Armen zu liegen, nein, mir auch. Ich fühlte mich auf komische Art und Weise befreit. Ich weiß nicht, wie lange wir so saßen, das war auch egal. Denn uns erwartete niemand. Keiner machte sich Sorgen, niemand kannte uns. Es regnete, doch wir blieben regungslos sitzen. Als die Sonne wieder hervorkam und alles trocknete, erschien ein Regenbogen direkt vor uns. Und zum ersten Mal in dieser langen Zeit, in der ich bei diesem Jungen saß, lächelte er. Ich glaube, er lächelte zum ersten Mal seit einer langen, langen Zeit wieder. Er sagte, dass er keinen Regenbogen mehr sah, seitdem ihn die Welt vergessen hatte. Mehr sagte er nicht, doch ich wusste, dass er mir damit danken wollte, dass ich ihn nicht vergessen habe. Seine Stimme klang traurig, aber hoffnungsvoll. Wir blickten uns nicht an, und doch wusste ich, wie er aussah. Er hatte ein langes, blasses Gericht mit großen, braunen Augen, die unheimlich müde aussahen. Sein Mund war schmal und seit einer Ewigkeit nicht mehr geöffnet worden. Seine Figur war hager, er war schwarz gekleidet, was ihn noch blasser machte. Aber dennoch (oder gerade deswegen?!) war er wirklich sehr hübsch. Im Sonnenuntergang sah er wunderschön aus. Obwohl wir nichts sagten, wusste ich, dass er sich genauso wie ich fragte, wo die Sonne wohl hingeht und ob irgendwer auf sie wartet. Auf einmal stand er auf und sagte, dass er jetzt heim könne. Ich fragte mich wohin, denn ich wusste, dass er hier kein Zuhause hatte. Doch gefragt habe ich ihn nicht. Als ich aufstand und gehen wollte, sagte er, dass er mir etwas schenken wolle. Als ich mich umdrehte, stand er direkt vor mir und schaute in mein Gesicht. Dieser Anblick war noch viel schöner, als ich ihn erwartet hatte. Seine Augen funkelten — sie lachten. Nicht sein Gesicht, nein, nur seine Augen, und das war das schönste Geschenk, das ich jemals bekam. Als ich mich kurz darauf wieder umdrehte, war er weg. Ich suchte ihn nicht, denn ich wusste, dass er jetzt zu Hause war. Und in diesem Moment wurde mir klar, dass dieser Junge mir mehr geholfen hatte als ich ihm.

(Im Hintergrund läuft Nightwish - Dead Boy´s Poem)

*wein*

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