Ein offener Brief

Trier, 06.07.2005, ca. 19:35

Verdammt, ich weiß mal wieder nicht weiter. Alles um mich herum scheint leer und sinnlos. Draußen vor dem Fenster tobt ein Sturm. Regen fließt in Strömen an der kalten Scheibe herunter. Sie ist etwas nach außen gekippt. Meine Finger krallen sich in die Fensterbank. Ich will schreien! Meine ganze Wut und Hilflosigkeit loswerden! Ich kann nicht. Das steigert meine Wut noch mehr. Wut auf mich selbst, auf alle Menschen um mich herum. Wut auf die, die mich zwingen, eine freundliche, nette, lächelnde Maske zu tragen.
Ich wünsche mir, auszubrechen. Irgendwohin, wo ich niemandem etwas erklären muss. Es ist zu viel zu erklären. Zu viele Dinge sind passiert. Zu viele Dinge sind NICHT passiert. Und ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich weiß nicht, was ich will. Ich fühle nur eine wahnsinnig tiefe Unzufriedenheit. Ich will etwas ändern und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ob mich das überhaupt traue? Ich weiß noch nicht mal, ob diese email es jemals über das Entwurfsstadium heraus schafft.
Ich will mir über meine Gefühle klarwerden. Dabei kann (und will wohl auch) niemand mir helfen. Es gibt so viele Dinge, die ich abwägen muss. So viele Menschen, denen ich auf die Füße oder sogar in die Fresse treten werde. Das bequemste wäre, einfach weiterzumachen wie bisher und nachts leise weinend einzuschlafen. Aber das kann ich nicht auf Dauer durchhalten.
Es ist ein Dilemma. Ich lebe mit N. zusammen. Wir teilen alles. Unsere ganze Zeit verbringen wir zusammen. Wir wachen zusammen auf, duschen zusammen, sehen uns ständig, verbringen den Abend und die Nacht zusammen. Immer wieder. Jeden Tag. Jede Nacht. Jede verdammte Woche. Meistens genieße ich dieses Beisammensein. Meistens. In letzer Zeit aber nicht mehr so oft. Es wird zu zwanghaft. Ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und zu ersticken. Ich will raus, ich will weg. Aber die Liebe hält mich bei ihr. Sie ist die tollste Frau, die ich je kennenlernen durfte. Aber mich kotzt es an, wenn ich mich erwische, wie ich belanglosen Schwachsinn schreibe, wenn sie mir auf den Monitor starrt. Es ist ein Gefühl der Überwachung. Nicht stark ausgeprägt.. nur latent immer vorhanden. Diese Enge der eigenen Gedanken. Immer im Hinterkopf, wie dieser oder jener Satz wohl ausgelegt werden könnte.
Und auf der anderen Seite steht SIE. Sie ist meine beste Freundin. Aber das ist der falsche Ausdruck. Seelenverwandte wäre besser. Sie ist die einzige, dem ich nicht zu erzählen brauche, wie ich mich fühle. Sie schaut mir in die Augen und nickt. Damit wissen wir beide, woran wir sind. Es ist mit Worten fast nicht zu beschreiben. Sie weiß, wie es ist, sich und seine Gefühle ständig erklären und rechtfertigen zu müssen. Und sie ist die einzige, die mich nicht dazu zwingt und mich trotzdem versteht. N. versucht das auch. Sie lässt mich in Ruhe... aber will hinterher wissen, was los war. Dann ernte ich meist verständnislose Blicke oder ein mitleidiges Kopfschütteln. Und genau das brauche ich nicht. Ich stehe nun vor einer der schwersten Entscheidungen in meinem Leben.
SIE war bis vor kurzem immer gerne Single und hat vieles ausprobiert. Mit der Zeit wurde aber der Wunsch in ihr stärker, endlich eine feste Beziehung zu führen. Das hat sie mir in einer SMS geschrieben. Und ich Trottel habe diese SMS N. gezeigt! Ich kenne SIE schon länger und weiß, daß sie sich nur sehr einsam fühlt. N. sah das etwas anders. Sie wurde bös eifersüchtig. Bevor ich N. kennengelernt habe, war ich öfters mit IHR unterwegs und habe mich auch damals in sie verliebt. SIE wollte aber nie eine Beziehung und das habe ich so akzeptiert. Daraus ist aber trotzdem eine sehr tiefe Freundschaftsbeziehung gewachsen. Und auf einmal sieht N. unsere ganze Beziehung bedroht.
Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Was fühle ich wirklich für SIE? Ist die Verliebtheit noch da? Oder sogar stärker geworden? An dem Abend hab ich das erste Mal seit langem wieder geweint. Allein die Tatsache, daß ich keine klare Antwort auf diese Fragen wusste, hat mir Angst gemacht.
In den letzten drei Wochen hat SIE Urlaub gehabt und war auch entsprechend oft bei ihren Eltern und konnte mit mir chatten. Und so haben wir uns zum Schwimmen im Freibad verabredet. Der Morgen und der Tag waren angefüllt von ausgelassener Heiterkeit. Aber Abends schrieb sie
[break: N. ist aus dem Schwimmbad heimgekommen]

[continue: 08.07.2005, ca. 00:05]
Konnte mal wieder den ganzen Tag nicht schreiben, weil sie ständig da war. Wo war ich stehengeblieben? Ah ja...
Abends schrieb sie in ihr Weblog folgende Textzeilen:

"Solo...
du hast mein Herz geklaut
ich weiss nicht ob du's gewusst hast
du schuft hast es getan
hab dich geliebt als ob es kein morgen gibt
bis der morgen kam

ich fühl' mich tot tief in mir drin und nur
der schmerz lässt mich wissen
dass ich am leben bin und jetzt lieg ich da
verletzt und alles tut weh


dafür hass ich dich jetzt weil ich dich liebe"

Wie soll ich das interpretieren? Soll ich es überhaupt interpretieren? Ist das nur ein Songtext? Ist das ein Ausdruck von Gefühlen, verpackt in den Worten von Thomas D.? Ich bin sicher, es ist letzteres. Tränen laufen über meine Wangen...
Ich antworte genauso traurig:

"Und hätt ich nur einen Wunsch frei, jetzt und hier...
... würd ich mir wünschen, Baby, du wärst bei mir."

Ich bin so ratlos. Aber ich traue mich nicht, die entscheidende Frage zu stellen. Ich habe Angst vor der Antwort. Und abends schickt SIE mir oft SMS. Tief traurig, so daß mir die Worte fehlen. Alles was ich erwiedern könnte wirkt in diesem Moment falsch, deplatziert und abgedroschen. Und so schweige ich. Mal wieder.
Vergangenes Wochenende hat SIE professionelle Photos von sich schießen lassen. Das Shooting war ein voller Erfolg. Leider. Und wieder bekam ich eine SMS. Der Photograph wollte eine weitere Session machen, diesmal mit "dem richtigen Mann dazu". Warum ich? Ich selbst finde mich hässlich. Aber warum fragt sie mich? Und warum erzähle ich Hornochse N. davon? Manchmal glaube ich einfach, daß ich zu gut bin. Ich kann N. einfach nicht anlügen. Oder doch? Ich glaube, ich könnte es. Aber was wäre, wenn SIE doch mehr für mich empfindet als Freundschaft? Dann hätte ich ein Problem. Ich liebe N.. Glaube ich. Aber irgendetwas in mir zweifelt. Und das ist nicht gut. Und was ich für SIE fühle? Ich kann es nicht näher bestimmen. Es ist mehr als Freundschaft, das stimmt. Es ist der Wunsch, sie glücklich zu sehen. Vielleicht auch, sie zu verwöhnen. Ob es Liebe ist? Ich weiß es nicht. Ich habe IHR mal versprochen, immer für sie dazusein, falls sie mich braucht. Was ist, wenn sie mich jetzt braucht? Ich kann ihr nicht das geben, was sie sich wünscht, auch wenn ich es noch so sehr will! Und das zerreißt mich fast. Verdammte Zwickmühle. Ich will auch meine Beziehung zu N. nicht aufgeben, denn sie ist das ultimativ Beste, was mir je passiert ist.

Ich glaube, ich werde SIE morgen direkt fragen, was sie für mich empfindet. Vielleicht sehe ich dann endlich klarer...

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